„Wie geht’s dir?“ – Wenn die Anspannung bleibt, aber die Hoffnung zurückkehrt
- vor 7 Stunden
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TW Essstörung
Wie geht’s dir? Eine gewöhnliche Frage. Eine Floskel. Und doch ist sie für Menschen mit chronischen Erkrankungen so viel mehr als das. Es schwingt immer ein „Geht’s dir endlich besser?“ oder ein „Können wir uns mal wieder treffen?“ oder eben die gewöhnliche Floskel, ohne Wunsch nach ehrlicher Antwort mit. Als Betroffene:r fühlt man sich häufig schuldig. Auch, wenn das Gegenüber das in den seltensten Fällen so meint.

Aber ich werde dir kein „Es geht mir wieder gut.“ geben. Höchstens – und das stets nur mit äußerster Vorsicht „Jetzt gerade in der Sekunde geht es mir etwas besser, aber das kann sich in den nächsten Minuten auch schon wieder ändern, deswegen keine Gewähr.“ Für viele mag das pessimistisch klingen, aber für Menschen mit chronischen Erkrankungen ist das Alltag. Ist es Realität.
Ich würde sehr gerne wieder wegfahren. An einen Ort, an dem es schöner ist, an dem es mir besser geht. Würde gerne wieder allein verreisen, wie damals mit 18 oder 19, als mich nichts gekümmert hat. Aber ich weiß auch, dass das nicht der Realität entspricht. Dass ich mich trotz der Überwindung und der tollen Zeit in Barcelona, New York, Miami oder Lissabon immer ein wenig allein gefühlt habe. Und doch vermisse ich diese Zeit jetzt unendlich und würde alles dafür geben, wieder dorthin zurückzureisen.
Weil ich weiß, dass es eine Zeit in meinem Leben gab, in der ich mir nicht jede Sekunde darüber Gedanken machen musste: Was, wenn ich gleich Migräne bekomme? Was, wenn mir unterwegs übel wird? Was, wenn ich oder jemand anderes sich übergeben muss? Werde ich bei dem Wetter einen Hitzschlag oder einen Sonnenstich bekommen? Was esse ich heute, morgen, nächste Woche? Schaffe ich es zuzunehmen? Werde ich es je aus dem Untergewicht rausschaffen? Werde ich je ein Gewicht erreichen, bei dem die Menschen endlich mal sagen „Hey, du siehst richtig gesund aus.“?
Also esse ich nichts. Habe Angst. Setze mich unter Druck. Gehe nicht mehr vor die Tür. Sage Leuten keine Treffen mehr fest zu. Ich versinke Tag für Tag mehr in meiner Angst. Rutsche in eine Essstörung, die eigentlich nie ganz weg war und doch über die Jahre besser wurde. Bis jetzt. Ich bekomme nahezu täglich eine Panikattacke. Frage mich jeden Tag, wann wird es endlich besser? Ich suche Kliniken heraus, die auf ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) spezialisiert sind und finde eine einzige. Eine einzige Klinik, auf die ich alles setze. Ob das ein Fehler war, wird sich nächste Woche bei meinen Vorgespräch herausstellen.

Gestern war ich zum ersten Mal seit vier Monaten wieder in der DBT-Skillsgruppe zu Besuch. Hier gibt es kein "Wie gehts dir?", sondern es wird stattdessen gefragt, wie die eigene Anspannung gerade ist. Das finde ich so viel besser, weil man sich nicht erklären muss. Dabei bedeutet das Anspannungslevel nicht zwingend, dass man besonders hoch angespannt sein muss, sondern kann auch bedeuten bei einer Zahl von 20 zu sein und dass es gerade angemessen ist. Läge die Anspannung bei 0, würde man wiederum tot umfallen. Es gibt also immer eine gewisse Grundanspannung. Bei Menschen mit chronischen Erkrankungen hilft diese Frage ungemein, weil man so besser einschätzen kann, ob eine Person gerade Hilfe braucht, oder nicht. Wenn nur Antworten wie "Gut", "Schlecht" oder "Geht so" zur Antwortauswahl stehen, sieht das schon schwieriger aus.
Zurück zur Skillsgruppe: Eigentlich sollte es ein Abschied sein, denn mein letzter Termin ist damals ins Wasser gefallen. Aber es war eher ein „Willkommen zurück!“. Eine Ermutigung, wieder zu kommen, wenn es mir nicht gut geht, so wie jetzt, weil meine Anspannung seit zwei Monaten außer in einzelnen winzigen Momenten nie unter 60 gefallen ist. Und doch gibt es einen Unterschied zu früher. Ich habe Hoffnung. Meine Hoffnung ist nicht, dass ich zunehme, denn das ist zumindest in meinem jetzigen Stadium ein unrealistisch hoch gestecktes Ziel, wie ich gestern erfahren musste. Aber ich möchte wieder leben. Möchte mich mit Freund:innen treffen, weggehen, in den Urlaub fahren und für einen einzigen Tag einfach mal wieder glücklich sein. Essen, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass gleich alles wieder rauskommt. Genießen, ohne Angst haben zu müssen, dass der kurze Moment der Freude gleich schon wieder vorbei ist. Ich möchte meinem Umfeld gerne wieder aus voller Überzeugung sagen können, „Mir geht es gut.“ Aber ich weiß nicht, wie. Weiß nicht, wo ich anfangen soll oder wo mich der Weg hinführt. Ich habe diese Phobie jetzt schon seit meiner frühen Kindheit und habe gelernt, irgendwie damit zu leben. Dass sie nochmal so zum Vorschein kommt, hätte ich nie für möglich gehalten. Dass ich auf dem Weg zum Supermarkt eine solche Panik bekomme, dass ich kurz davor bin umzudrehen. Dass ich am See, an den wir nach meiner erfolgreich bestandenen Bachelorarbeit mit Bestnote gefahren sind, um meinen Erfolg zu feiern, auf einmal aus dem Nichts Panik bekomme und wir nach kurzer Zeit wieder heimfahren müssen.
Ich möchte nicht meine Note in den Vordergrund rücken, sondern viel mehr den Fakt, dass ich mich nach drei Jahren harter Arbeit nicht einmal mehr über ein erfolgreich bestandenes Studium freuen kann, sondern mir nur Gedanken darüber mache, wann ich endlich wieder arbeiten kann. Wann mein geregelter Alltag wieder einkehrt. Wann ich endlich wieder einen Job finde. Und das meine ich nicht aus einem Workaholic-Gedanken nach dem Motto „Du bist nur etwas wert, wenn du arbeitest“ heraus, sondern weil mir meine Arbeit so viel mehr bedeutet, als nur zu arbeiten. Sie gibt mir Selbstvertrauen zurück, macht mir unendlich viel Spaß und schenkt mir Momente, in denen ich einfach nur stolz auf mein Werk bin. Und sie gibt anderen Menschen eine Stimme.

Dann gibt es aber doch noch diesen einen klitzekleinen Moment, der für mich die Welt bedeutet hat, als ich vor ein paar Tagen nach 58 Bewerbungen endlich eine Einladung für ein Vorstellungsgespräch erhalten habe. Dieser kurze und doch bedeutsame Moment, in dem mir die Freudentränen gekommen sind, ich sofort meinen Freund angerufen und ihm von den Neuigkeiten erzählt habe. Dieser Moment, in dem ich für zwei Stunden alles essen konnte, was ich möchte, plötzlich keine Angst mehr verspürt und mich direkt an die Probeaufgaben gesetzt habe. Als ich mir einen Topf Tortellini gekocht habe, wovor ich seit Wochen Angst hatte. Ja, ich habe es bis heute nicht geschafft, sie zu essen, weil die Konsistenz mir Angst macht. Aber es war ein Versuch.
Ein Versuch, dass es eines Tages wieder besser werden kann und darf. Wenn ich einen Job habe. Wenn ich wieder Aufgaben habe. Wenn ich wieder das machen darf, was mir Spaß macht und zudem dafür entlohnt werde. Vielleicht kommt dann der Rest von ganz allein. Ich weiß es nicht, das weiß vermutlich niemand. Aber der große Unterschied zu damals: Ich habe wieder Hoffnung. Ich möchte leben und mich jeden Tag für das Leben entscheiden. Für mich, aber auch für die Menschen um mich herum, die sich jeden Tag um mich sorgen und denen ich endlich mal ein „Mir geht’s gut!“ zurückgeben möchte.





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