Von dem nicht endenden Gefühl zu ertrinken…
- vor 3 Tagen
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Enttäuschung, Ohnmacht und Verletztheit. Die für mich schlimmsten Gefühle.
Angst? Du kannst dich ihr stellen. Wut? Du kannst zurückschießen. Aber die bittere Erkenntnis, dass du nichts mehr tun kannst und es nicht mehr in deiner Hand liegt, was passiert, ist das schlimmste Gefühl von allen. Es sitzt im unteren Bauchbereich und tut unendlich weh. Der Schmerz ist kaum aushaltbar. Und das Einzige, womit man diesen Schmerz bekämpfen kann, sind Tränen. Tränen der Verzweiflung, weil man sich verzweifelt versucht hat, am letzten Strohhalm festzuklammern und es doch nicht geklappt hat. Man ist mit voller Wucht ins Wasser gestürzt.

Leider ist das Boot, an dem man sich festhält, jedoch nicht am Meeresrand, nicht am Hafen. Nein, es befindet sich mitten auf hoher See. Und so fällst du direkt in den tiefschwarzen Abgrund, der unter dir liegt. Du schluckst das Wasser und zappelst mit den Armen, um dich doch irgendwie über Wasser halten zu können. Alle, die mit dir im Boot saßen strecken dir ihre Hände hin. Aber du nimmst sie nicht. Wofür denn auch? Wofür eine Hand nehmen, von der du dir ohnehin sicher sein kannst, dass sie dich loslässt? Wieso eine Hand nehmen, bei der du dir sicher sein kannst, dass du in nicht allzu ferner Zukunft wieder genau hier landest. Auf offener See, fast am Ertrinken und mit allen Kräften am Ende. Weil du alles auf eine Karte gesetzt hast. Und es sich am Ende doch nicht ausgezahlt hat. Wieder nicht.
Der Meeresspiegel steigt weiter an. Weil du deine Tränen nicht stoppen kannst. Sie laufen zwar nicht sichtbar über deine Wangen, weil du gelernt hast, dass das falsch ist. Dass deine Gefühle nicht sichtbar sein sollen. Also versickern sie in deinem Inneren und machen dich immer schwerer. Sie wachsen in deinem Bauch zu einem großen Kloß zusammen, der immer tiefer rutscht. Genau wie dein Körper jetzt immer tiefer sinkt. Bald hast du den Meeresgrund erreicht. Gleich ist alles vorbei. Gleich hast du es hinter dir. Gleich hast du es geschafft.
Und doch gibt es da einen klitzekleinen Teil in dir, der jetzt aktiv wird. Zwischen der Enttäuschung, Ohnmacht und Verletztheit mischt sich die Hoffnung. Und die Angst. Die Angst, mal wieder versagt und alle im Stich gelassen zu haben. Also machst du das, was du gelernt hast: Du stellst dich der Angst und versuchst deine Luft noch ein kleines bisschen länger anzuhalten. Statt aufzugeben, schwimmst du wieder hoch und stellst dich dieser Angst.

Oben angekommen sind deine Arme und Beine auf einmal praller. Nicht, weil du so viel Wasser geschluckt hast, sondern weil du auf deinem Weg nach oben Kraft sammeln konntest. Auf andere wirkst du jetzt wie der stärkste Mensch der Welt, während du in deinem Kopf immer noch am Ertrinken bist. Immer wieder fragst du dich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn du am Meeresgrund geblieben wärst. Vielleicht wären die Meeresbewohner die besseren Freund:innen gewesen? Hätten mich nicht verlassen. Vergessen. Versetzt. Und doch bin ich jetzt wieder hier und habe mich bewusst dafür entschieden wieder aufzutauchen. Und jetzt muss ich im wahrsten Sinne des Wortes damit leben. Und mal wieder hat mich die Angst gerettet.
Wenn Menschen sagen, dass die Angst ursprünglich ein Überlebensinstinkt sei, dann bin ich der festen Überzeugung, dass sie das noch immer ist. Und auch, wenn mich die Angst verlassen zu werden immer und immer wieder an den Rand des Bootes bringt, so ist es auch die Angst, die mich vom Meeresgrund wieder zurück an die Oberfläche geholt und mir mein Leben gerettet hat.





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